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Der geheime Anjan

Unsere Reise geht zu einem geheimen Ort, den nur wenige kennen. Und hier wartet ein Paradies. Der Anjan und das Skäckerfjällen-Massiv bezaubern uns diesen Winter.

Im weichen Schein der bleichen Wintersonne fahre ich in eine unbeschreiblich schöne Schneewehe, die wie ein riesiges Amphitheater aussieht. Das Licht durchflutet mich aus allen Richtungen, es wird wärmer, und ich ziehe meine Jacke aus. Bereits von dieser Naturschönheit magisch fasziniert erblicke ich am nördlichen Ende des Amphitheaters Ehrfurcht gebietende, mannshohe Raureifskulpturen. Wie stumme Wächter überwachen sie meinen Zutritt in dieses geheimnisvolle Reich berauschender Stille und silberfunkelnder Unberührtheit.

Bist du würdig genug? Höre ich richtig?

Nein, sie sind still. Natürlich, sie sind ja aus Schnee und Eis. Aber sie nicken zustimmend mit den Köpfen – bilde ich mir ein.

Der hartnäckige Wind hat sich gerade wie von Zauberhand gelegt. Die Morgenwolken haben sich aufgelöst. Die Sicht ist klar. Hinter dem nächsten Bergrücken kann ich dann wohl in die mächtigen inneren Hallen des Massivs hineinschauen.

Oder vielleicht nach dem nächsten Rücken?

Oder dem nächsten?

Während ich in die Sonne blinzle, denke ich darüber nach, ob heutzutage nicht zu leichtfertig mit dem Wort Wildnis umgegangen wird. Ich habe Artikel gelesen, in denen man bestimmte Teile des Central Parks in Manhattan als »extreme wilderness« bezeichnet. Oder: Laut Sonntagsbeilage der Boulevardpresse kann man sogar in Stockholm - nur einen Katzensprung von U-Bahn-Stationen entfernt - Abenteuer in der Wildnis erleben.

Reiner Schwachsinn. Wildnis ist dort, wo die Natur ständig jeden, der sich nicht auskennt, in einen tödlichen Würgegriff nehmen kann. Wildnis ist unberührt und liegt weit entfernt von der Bequemlichkeit der Zivilisation.

Aber wo ist dann die Wildnis? Für mich in den großen, unberührten Wäldern Sibiriens, im Inneren Alaskas und dort, wo am Amazon noch kein Raubbau betrieben wird. Dort gibt es meiner Meinung nach Wildnis. Und ich glaube sogar, dass es sie im Sarek-Nationalpark gibt.

Ich glaube sogar, dass es hier – im Anjan oder im Skäckerfjällen- Massiv, wie man die Gegend nennt - auf gewisse Art und Weise Wildnis gibt. Der Anjan ist ein imposantes Bergmassiv in sehr konzentrierter Form, das bisher nur wenig erschlossen und immer noch jungfräulich und unberührt ist. Hier gibt es nur wenige Wanderwege und Hütten, und nur selten trifft man auf andere Skiwanderer oder Abfahrtsläufer. Noch weiter nördlich oder im Westen des Gebiets kann man wochenlang wie ein Einsiedler leben, ohne ein einziges Mal von Reisenden aufgestört zu werden. Man ist allein und der Gewalt und dem Schutz der Natur völlig ausgeliefert.

Aber die Zivilisation ist immer in der Nähe. Der Skäckerfjällen hat eine Ost-West-Ausdehnung von nur 150 bis 200 km und erstreckt sich 200 bis 250 km von Nord nach Süd. Luftlinie.

Die Berge sind von kleinen und großen Seen umgeben. Der riesige Torrön-See begrenzt die Ostflanke und wird weiter südlich vom Juvuln und Kallsjön abgelöst. Im Süden wacht der Anjan-See, und im Westen gibt es eine Unzahl von Seen und Teichen.

Ausgangspunkte unserer Touren sind Sågen, die Berghütte Anjan, Gråsjön und Kolåsen – alle mit Auto erreichbar. Heute früh bin ich von der Berghütte Anjan durch den Wald nördlich aufgestiegen. Ich traf auf dichten, unberührten Wald mit Tannen voller Flechten – glitzernd gefroren und weiß von Raureif und Schnee –, als ich den Wanderweg um den See Dammtjärnen herum verließ. Ich mag nämlich keine Wanderwege. Am liebsten gehe ich meine eigenen Wege um Neues zu entdecken.

Das Gelände war stark durchfurcht, kleine Flüsse haben sich ihren Weg durch kleine, freche Anhöhen gebahnt.

Beim Skifahren musste ich akrobatische Kunststücke vollführen, als ich mit den Skiern auf umgestürzten Riesentannen über die Schluchten balancierte, in denen das erste Schmelzwasser des Spätwinters unter dem Schnee gluckste.

Ich taumelte steile terrassenartige Absätze hoch, die von tiefem Quicksilberschnee – der zerfiel, sobald die Sonne auf ihn traf – bedeckt waren. Ich sank bis zur Hüfte ein und überlegte, wie weit es zum Wanderweg ist.

Weiter oben wurde der Wald dünner. Zu den Birken, schief und krumm, gesellten sich vom Wind verkrüppelte Tannen. Die Bäume bildeten kleine Inseln, die man umrunden oder durchlaufen musste – um unter Aufwendung aller Kräfte jenseits der Baumgrenze zu gelangen.

Ich schaue vom Lill-Anjeskutan prüfend zurück auf meine sich windende Skispur. Ich bin durch ein komplexes, die Phantasie anregendes Terrain gefahren, in dem ich ständig nach dem besten Weg suchen musste. Und ich habe keine Menschenseele getroffen. Und ich denke, dass das hier doch eine Art Wildnis ist.

Ich finde, dass man sich so am besten dem Skäckerfjällen nähert. Einfach deshalb, weil man vom Lill-Anjeskutan – der auf Samisch Unna Tjukkele heißt – einen sensationellen Zugang zum Herzen des Gebiets hat. Man beginnt oben und hat damit – nachdem man die Steigfelle abgenommen hat - eine schöne Abfahrt hinunter in das Strydalen.

Ich hätte genauso gut mit Tourenausrüstung fahren können, kommt mir plötzlich in den Sinn. Jetzt habe ich Bergskistiefel an und breite Skier mit. Das Ganze fühlt sich etwas wie Bulldozer an. Mit Tourenausrüstung ist man einfach leichter und flexibler unterwegs. Man kann gehen und gleiten und einfach normal mit den Skiern fahren.

Aber jetzt geht’s auf die Bergspitzen. Hier entscheide ich mich aus alter Gewohnheit für eine schwerere Skiausrüstung. Damit kann ich aber auch falsch liegen, denke ich plötzlich. Steigfelle funktionieren auch an Tourenskiern, und die Abfahrt ist mit schmaleren Skiern viel interessanter.

Langsam aber sicher wird es weniger steil. Der Wind aus dem dramatischen Inneren des Skäckerfjällen-Massivs erreicht mich zuerst als eine Art Streicheln, aber als ich dann über den Kamm nach Norden schaue, umfängt mich schroff der Nordwind, und ich ziehe meine Jacke an.

Unter mir bildet das Styrdalen eine mächtige Schneise, und hinter dem Tal erhebt sich der schroffe Akkantjakke, und der etwas rundere Makkentjakke oder Sockertoppen. Weiter hinten der Sandfjället, der Steuker und der Skeuretjakke.

Ich nehme die Steigfelle ab. Hole kurze Teleskopstöcke raus. Der Rucksack wird etwas fester gezogen, die Skibrille zurechtgerückt. Die Jacke bis zum Kinn geschlossen. Man weiß nie. Und dann los.

Die Sonne hat die Nordseite des Lill-Anjeskutan noch nicht erreicht. Der Schnee ist also immer noch kalt und weich. Nach drei vier Schwüngen finde ich den Rhythmus, und der Weichschnee wird nach oben wie eine Welle um meine Beine gewirbelt. Der Hang wird steiler, und ich begegne dem Abgrund mit großen Schwüngen, ich lege mich seitlich hinein und stemme beide Ski in Richtung Tal, wie ein Wellenreiter.

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Blut plötzlich mit Sauerstoff füllt, der als Kitzeln und Kichern durch meinen gesamten Körper wandert, und ich stoße hier in meiner Einsamkeit einen Glücksschrei aus.

Am Fuß des Makkentjakke komme ich zum Stehen. Ich schaue auf den Gipfel. Und dann zurück auf meine Spur. Magisch. Und wieder die Steigfelle anbringen. Und nach oben stapfen.

Drei Gipfel später geht die Sonne unter, und ich nehme Kurs auf mein Auto. Während ich in der rosa schimmernden Dämmerung über den gefrorenen Boden stapfe, denke ich, ob ich das wirklich jemandem erzählen soll?

Text: Jörgen Vikström Foto: Erik Olsson